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Artikel: Fernauslöser im Selbstbau

Bastelstunde:
Fernauslöser

Not macht erfinderisch. Ein einfacher, selbstgebastelter Fernauslöser (kraftlos) für die Canon S45.

Die meisten Artikel auf dieser Webseite beschreiben Methoden und Verfahren, die auf mehrfachen Aufnahmen basieren. Um Verwacklungen zu vermeiden und möglichst deckungsgleiche Bilder zu bekommen, verwende ich deshalb ein äußerst massives Stativ, dass für Mittelformatkameras bis 10 Kilo geeignet ist. Die aufgeschraubte Canon S45 macht einen geradezu lächerlichen Eindruck darauf.

Für Experimente zur Entfernung von Bewegung benötige je nach Szene zwischen 10 und 100 Bildern. Dabei ergeben sich trotz der technischen Möglichkeiten aber einige Probleme.

So muss die Gesamtzeit aller Aufnahmen möglichst kurz gehalten werden. Mit der Intervallautomatik der Kamera sind aber nur max. 60 Bilder im Minutenabstand möglich. Auch mit der zugehörigen Software "RemoteControl" wird nur eine Frequenz von knapp acht Bilder pro Minute erreicht - was immer noch zu langsam ist und ausserdem einen transportablen Computer erfordern würde.

Optimal sind die beiden Schnellschuß-Modis mit einem, bzw. 2,5 Bildern pro Sekunde. Bei Verwendung einer schnellen Speicherkarte können so 18 Bilder erzeugt werden bevor der Zwischenspeicher überläuft.

Ich komme also nicht umhin, den Auslöser einige Zeit festhalten zu müssen und auch dies mehrere Male zu tun. Trotz Stativ ergeben soch trotz größter Anstrengungen leider immer wieder Verwacklungen.

Da es für dieses Modell keinen Fernauslöser gibt, und auch keine Fernbedienung (wie bei der verwandten G3), bleibt nur noch der improvisierte Weg.

Die selbstgesteckten Vorgaben sind:
- Keinerlei Manipulation an der Kamera, muss auch auf Dauer schadlos sein.
- Leichtes anbringen und wieder entfernen.
- Zuverlässiges und direktes Überschreiten des Druckpunktes.

Auf der Suche nach einem geeigneten Mittel fällt mir natürlich der übliche Fernauslöser in die Hände, hier ein wahrscheinlich sehr altes Modell. Über einen Gummiball wird Luft durch einen Schlauch gepresst, die einen kleinen Gummikolben in einer simplen Plastikhülse bewegt. In diesem Gummipropfen steckt eine lange Nadel mit einer Rückholfeder. Die Nadel fährt aus und drückt auf einen mechanischen Hebel innerhalb der Kamera. Die Verbindung (und Kraftaufhebung) erfolgt durch das kleine Gewinde am Ende der Hülse das direkt in der Auslöser einer (alten) Kamera geschraubt wird.

Als Grundlage wird ein klassicher Fernauslöser mit Gummiball benutzt.

Da sich Luft sehr gut komprimieren lässt und im Ball, im Schlauch und in der Hülse selbst genügend Luft vorhanden ist, wirkt diese wie ein Puffer oder eine Feder die dafür sorgt, dass die Kraft nicht zu direkt sondern mittelbar übertragen wird.

Die Hülse läßt sich leicht öffnen und zerfällt in besagte Teile. Ich behalte nur den oberen Zylinder mit dem Schlauchanschluß und den Pfropfen aus Gummi.

Der Zylinder besaß zur Befestigung eine umlaufende Kante, die ich entfernt habe. Der Gummikolben läßt ganz eingeschoben etwa zwei mm Platz zum Rand. Wird der Gummiball gedrückt, tritt der Kolben bis zu sechs mm weit aus, bevor er herausfällt.

Konstruktion I
Theoretische Überlegungen
und Ideen

Die Konstruktion erfolgte gedanklich und mit Skizzen auf Papier.

Der Durchmesser des Gummikolbens ist größer als die Taste der Kamera, ausserdem liesse sich die Hülse unmöglich direkt an der Kamera befestigen. Das orange Gummi ist auch zu hart für einen direkten Kontakt mit dem Auslöser und es fehlt auch noch ein Rückhol-Mechnanismus.

Die theoretischen Überlegungen waren dann:

Die Zylinderhülse wird an einen Träger befestigt der eine Öffnung besitzt. Den maximalen Weg von acht mm nutze ich zu sechs mm aus und überbrücke den Abstand mit einem Stück groben Moosgummi. Dieses wird dann auf knapp zwei mm zusammengepresst und fungiert gleichzeitig als Rückholfeder.

An der Kamera gibt es nur eine Möglichkeit einer stabilen und entfernbaren Halterung, nämlich durch eine Klammer. Diese überträgt die ausgelöste Kraft auf das Gehäuse und läßt sich leicht draufstecken und abziehen.

Wenn die Klammer dazu nicht breiter wird, als das umlaufende Metallband an der Kamera (16 mm), dann liessen sich auch der Zoom-Schalter und das Wahlrad noch bedienen.

Als Baumaterial wähle ich Balsaholz, weil es sich sehr leicht bearbeiten läßt und ausreichende Festigkeit bietet. Ausserdem ist die Oberfläche, leicht angerauht, samtig weich und wird auf dem Metall der Kamera sicher keine Spuren hinterlassen.

Soweit die Theorie...

Konstruktion II
Die simulierte Praxis,
Erstellung von Modellformen

Zeitgemäß erfolgt die Konstruktion natürlich in einem 3D-Programm. Ich vermesse nur das schmale Metallband auf das die Klammer passen soll und die Position des Auslösers. Dazu platziere ich das Wahlrad und einen weiteren Kasten an der linken Seite. Dieser stellt den Raum dar, den die Halterung für das Trageband benötigt.

Ich wähle eine Materialstärke von fünf mm und schneide mir passende Brettchen für die Seite zurecht. Drei Schichten ergeben 15 mm, an den beiden inneren befindet sich die Aussparung. Die unteren und oberen Arme sind doppelt gehalten und zum festen Sitz am Ende gegabelt.

Die Öffnung im unteren Brettchen ist kleiner als der Auslöser, hier dringt später das Moosgummi durch. Die Öffnung darüber ist groß genug um den Plastikkolben aufzunehmen. Da an dieser Stelle das Material zu dünn wird, muss die Form an dieser Stelle etwas verbreitert werden.

Nachdem alle Teile im virtuellen Raum entworfen, angepasst und justiert wurden, lege ich sie flach nebeneinander und exportiere die formgebenden Splines als Vektoren (eps). Dann importiere ich sie wieder in einem vektororientierten Programm (Freehand) um sie auszudrucken.

Das Papier ist ähnlich wie Haftnotizen klebbar, aber auch rückstandsfrei wieder zu entfernen (Zweckform No.4735) und eignet sich sehr gut um mit dem Material geschnitten zu werden.

Konstruktion III
Das reale Werken,
mit Klebstoff an den Fingern und Holzstaub in den Haaren

Das Balsaholz ist fünf Millimeter stark und makellos, für die sieben kleinen Formen reichen ein paar Reststücke. Die ausgeschnittenen Papieraufkleber werden längs zu den Holzfasern aufgebracht und festgerieben.

Dann werden die Formen vorsichtig mit einem scharfen Skalpell ausgeschnitten. Die beiden Öffnungen werden behutsam und etwas kleiner ausgestochen. Nun werden die Aufkleber wieder entfernt und alle Kanten leicht nachgeschliffen. Mit etwas rund gerolltem Sandpapier werden die Öffnungen erweitert und geglättet.

Ich klebe die beiden Unter- und Oberteile sowie die drei Seitenteile separat zusammen (UHU hart) und lasse diese mit Klammern fixiert trocknen.

Die Teile werden dann angepasst und nötigenfalls verschliffen, auf der unteren Seite des Oberteils wird kreisförmig etwa ein halber Millimeter entfernt um Raum für das Wahlrad zu schaffen.

Anschliessend klebe ich die drei Teile zur fertigen Klammer zusammen. Noch mit feuchtem Kleber wird die Klammer vorsichtig auf die Kamera geschoben und wieder abgenommen. Dann wird der Abstand um einen Millimeter verringert um später eine leichte Spannung zu haben.

Konstruktion VI
Der Auslöser,
Fertigstellung

Aus einem Stück groben Moosgummi schneide ich mit der Schere ein rundes Stück aus, das leicht konisch zuläuft und mit einer gerundeten Fläche abschliesst. Dieses klebe ich dann auf den Gummipfropfen. Dafür verwende ich Pattex, weil dieser Klebstoff nicht aushärtet, sondern gummiähnlich bleibt.

Der Kolben wird dann in seinen Zylinder gesteckt und beides in die Öffnung der Klammer. Die untere Öffnung habe ich so vergrößert, dass der Moosgummifinger gut durch die Öffnung passt, aber der Kolben blockiert wird, so kann er nicht hinausfallen.

Bevor ich den Zylinder fest mit der Klammer verklebe, kürze ich den Schaumstoff noch ein wenig, gerade so, dass bei eingefahrenem Kolben der Schaumstoff nicht mehr übersteht und bei ausgefahren Kolben etwa vier Millimeter austritt.

Damit ist der Aufbau abgeschlossen.

Nachdem der Klebstoff ausgehärtet ist, kann die Klammer noch weiter gerundet werden (gespachtelt, grundiert, lackiert), wobei die Innenflächen unverändert bleiben sollten. Ausnahme: Wenn die Spannung der Klammer zu groß ist.

Die Stabilität ist erstaunlich hoch, die Klammer zeigt selbst dann keine Verbiegung wenn man sie samt Kamera am Schlauch hochhebt (bitte nicht probieren). Trotzdem läßt sie sich leicht aufstecken und abziehen.

Die Auslösung erfolgt sehr genau, mit dem Gummiball kann sogar zwischen dem Andrücken und Durchdrücken des Auslösers unterschieden werden.

Arbeitsaufwand
und Dateien

Arbeitsaufwand insgesamt ca. 4 Stunden. Vorbereitung des Auslösers, 1 Std., Konstruktion 3D: 1 Std., Operation Balsa: 2 Std.

Geschätzte Kosten unter 10 Euro,
je nach Fernauslöser.

3D-Formen für die Klammer

Cinema4D-Datei, 10 kB
Download Klammer.c4d.sit